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L A M P E N F I E B E R

 

Was kann ich tun, wenn mir die Knie oder die Hände zittern?

Leider haben mir meine Lehrer in dieser Hinsicht nicht gut geholfen: "Wenn du geübt hast, kann nichts passieren." Oder: "Stell dir einfach das Publikum als Ansammlung von Krautköpfen vor." Abgesehen davon, dass ich als Schülerin keine Lust gehabt hätte, vor Krautköpfen zu spielen, stimmt die Aussage einfach nicht, dass gutes Üben vor feuchten Fingern, Wackelknien und Zittern schützt. Im Gegenteil: Manchmal ist man gelassener, wenn man ein gewisses Risiko einkalkuliert, weil man schon weiß, dass nicht alles perfekt werden kann. Offensichtlich erinnern sich Profis häufig nicht mehr an ihre ersten Auftritte. Wer regelmäßig vor Publikum spielt, sieht den Auftritt schlicht als Teil seiner Arbeit, ohne Angst vor Blamage zu haben. Selbst wenn mal ein Tag nicht so gut läuft.

Was aber macht man als Schüler?

 

Lampenfieber ist pure Energie

Ein Tipp aus dem Yoga ist,  erst mal positiv zu denken:  Lampenfieber ist reine Energie. Jede Energie kann umgewandelt werden. Das sagt auch der Energie-Erhaltungssatz. Statt es loswerden zu wollen, kann ich Lampenfieber sogar als Chance sehen: Lampenfieber macht mich wach, es erhöht mein Energieniveau und meine Achtsamkeit. Manche behaupten sogar, Lampenfieber sei wichtig, damit der Auftritt gelingt. Es ist wie Feuer, ohne das keine Wärme entstehen würde.

Wichtig zu wissen: Die Zuhörer nehmen meine Aufregung von außen nicht wahr. Also kann ich die erhöhte Energie in Energie für den Zuhörer umsetzen.

Gedankliche Umwandlung - meine Musik ist ein Geschenk für alle

Aber wie? Einfacher als gedacht: Ich stelle mir vor, allen Zuhörern Energie zu schenken, indem ich für sie spiele. Ich schenke den Zuhörern die Töne, die ich spiele, also die Musik. Ich spiele für mein Publikum und freue mich, dass da Menschen zuhören (und nicht taube Krautköpfe). Diese Menschen sind gekommen, weil sie Musik hören wollen. Sie freuen sich darauf, Musik zu erleben.

 

Energie-Umwandlungs-Atmung

Im Yoga gibt es die sogenannte Transformationsatmung. Die kann ich schon zu Hause vor meinem Auftritt üben:

Ich setze mich ruhig auf einen Stuhl und lege die Fingerspitzen aufeinander (wie Angela Merkel). Ich atme zunächst fünf Atemzüge ein und aus. Das macht wacher und ruhiger zugleich, synchronisiert die Gehirnhälften, erhöht Aufmerksamkeit und Denkvermögen. In meiner Vorstellung nehme ich beim Einatmen funkelnde Energie aus dem Kosmos auf. Beim Ausatmen denke ich an den Raum, in dem ich spielen werde und an mein Publikum. In meiner Vorstellung hole ich jedesmal beim Einatmen Energie aus dem Kosmos und gebe jedesmal beim Ausatmen die Energie an den Raum und das Publikum weiter. Wir leben nämlich alle in demselben Universum und sind alle miteinander durch unser Menschsein verbunden. Salopper ausgedrückt: Zuhörer sind Menschen wie du und ich.  Ich kann also für den universellen Kern in jedem Menschen spielen.  Das geht sogar mit Lampenfieber.

 

Energie ins Fließen bringen

Wenn ich nervös und ängstlich bin,  nützt es mir außerdem, meinen Körper ein paarmal zu strecken, durchlässig machen für den Energie-Fluss. Und wenn ich innerlich und äußerlich erstarre, dann hilft es, mich zu lockern oder entspannt zu sitzen.

Ich übe Yoga, gehe spazieren oder massiere meine Hände. Für das Geicht bewege ich meinen Mund, als würde ich eine Spaghetti-Nudel einsaugen.

Manchen hilft es auch, die Augenbrauen hochzuziehen, die Lippen zu spannen, evt. zu befeuchten.

Beobachte dich beim Üben, wenn es gerade besonders gut läuft: wie ist deine Körperhaltung, wie deine Kopfhaltung, wie hältst du Hände und Finger, wie atmest du, wie formst du den Mund?

 

Unruhige Energie harmonisieren

Im Yoga gibt es die sogenannte Wechselatmung, die garantiert harmonisierend wirkt und am besten regelmäßig (täglich) geübt werden kann:

  • Balle mit der rechten Hand eine lockere Faust und strecke dann Daumen, Ringfinger und kleinen Finger, so gut es geht, aus.
  • Atme aus.
  • Halte das rechte Nasenloch mit dem rechten Daumen zu und atme 4 Sekunden links ein.
  • Schließe das linke Nasenloch mit dem Ringfinger und
  • HALTE die gechlossenen Nasenlächer sechs bis acht Sekunden zu. Dadurch hältst du die Luft an.
  • Öffne den rechten Daumen und atme rechts 8 Sekunden aus.
  • Dann 4 Sekunden rechts einatmen, 6 - 8 Sekunden HALTEN, anschließend 8
  • Sekunden links ausatmen.

 Wiederhole die Übung mindestens drei Mal. Du kannst gerne auch 10 Minuten üben. Merkst du die Wirkung?

 

Du kannst noch mehr tun:

Erden

Stelle dich barfuß oder mit Socken bequem in einen aufrechten Stand und atme ruhig zwei bis drei Mal ein und aus. Beginne dann, die Fußsohlen einzeln am Boden zu reiben, bis sie warm werden. Du kannst, sofern niemand unter dir wohnt, auch mit den Füßen stampfen und danach bewußt deine Füße und den Boden spüren. Stelle dir Wurzeln vor, die tief in die Erde reichen.


Zum Hörer sprechen

Ich stelle mir vor, mein Publikum kennt das Stück, das ich spiele, nicht oder nicht gut. Also kann ich mir ein Kind vorstellen, das diese Musik um ersten Mal hört. Ich will ihm eine Geschichte durch mein Spiel erzählen, ihm etwas erklären. Aber nicht mit Worten, sondern indem ich es spiele. Ich versuche, die Noten auf dem Papier lebendig zu machen. Phrasen spiele ich sehr deutlich. Ich spiele die Melodie wie eine Sprache. Durch Lautstärken-Veränderung und Artikulation wird sie leichter und unmittelbar erlebbar. Ich führe meine Hörer durch die Musik wie ein Schaupieler den Zuschauer durch ein Stück. So müssen die Hörer  innerlich mit meinem Spiel mitgehen:  Ich zeige ihnen etwas Schönes, etwas Spannendes, etwas Lustiges, etwas Nachdenkliches, je nachdem. So mache ich den Sinn der Musik, die Botschaft verständlich.

 

Jeder ist einmalig

Sicher ist: Niemand spielt wie ich. Niemand spielt wie du. Jeder von uns ist einmalig. Ich erlebe eine Situation anders als du. Du erzählst dieselbe Geschichte anders als ich.  Das ist das Besondere für die Zuhörer. Auch wenn sie ein Stück bereits kennen: Niemand spielt es genau wie du.

 

Zusammenfassung

Vor dem Auftritt stelle ich mir die Zuhörer vor. Ich schließe die Augen und atme Energie aus dem Universum ein. Von meinem

Herzen aus sende ich Energie zum gedachten Publikum. Dadurch lade ich den Raum mit Energie auf.

Wir alle, das Publikum und ich werden die Energie spüren. Ich freue mich auf unser gemeinsames Erleben, (und lasse meine Knie zittern oder nicht).

 

Zu guter Letzt

Vielleicht wird das, was ich spiele, nicht allen gefallen. Das muss es auch nicht. Denn ich mag auch nicht alles oder jeden Interpreten. Auch ich habe meine Lieblinge.

Außerdem: Lampenfieber kommt und geht, mal ist es stärker, mal schwächer. Nach dem Auftritt ist es auf jeden Fall vorbei ;). Wenn es ganz schlimm wird, stelle ich mir vor, was ich danach mache: Vielleicht was leckeres essen?

Ich wünsche dir viel Energie und Freude beim Spiel für dein Publikum.